Schottland: Ein Reisebericht

Die Vorgeschichte

Einsame Straßen, tolle Landschaften, das Meer und Berge. Das alles gibt es eine Zugfahrt entfernt von London. Schottland erschien mir perfekt eine mehrtägige Tour mit meinem Rennrad. Als Erlebnis und als Vorbereitung für meinen ersten Ironman 70.3. 1000 Kilometer in 6 oder 7 Tagen wollte ich bewältigen.

Doch die Tour hatte leider schon die ersten Probleme, bevor sie startete. Überenthusiastisch aufgrund der letztes Jahr wieder entdeckten Möglichkeit mehrtägiger Radtouren hatte ich nicht nur eine Tour durch Schottland geplant, sondern bin noch auf die Idee gekommen über Ostern von London nach Cornwall zu fahren.
Ich zwar nicht untrainiert, aber so lange Tagesstrecken auch nicht gewohnt. Gleich am ersten Tag waren die 200 km mein bisheriger Tagesrekord und dann ging es die folgenden Tage mit vielen Höhenmetern anstrengend weiter. Ich hab es zwar bis Land’s End geschafft, aber mein Knie war danach sehr lediert. Wie stark die Verletzung war dämmerte mir erst auf der Zugfahrt zurück, als ich mein Knie nur noch unter starken Schmerzen beugen konnte. Über 3 Monate sollte es dauern, bis das Knie halbwegs geheilt war. Sogar die Schottland-Tour habe ich kurz vor knapp noch einen Monat nach hinten verlagert. So war ich im Vorfeld stets ungewiss, ob mein Knie eine mehrtägige Radtour überhaupt stand hält. Ich änderte meinen Plan der vielen Kilometern an jedem Tag. Der neue Plan sah mindestens zwei Wanderungen vor und keine Tage mit mehr als 120 Kilometern. Mehr wollte ich dem Knie noch nicht zumuten. Unter diesen etwas unsicheren Umständen packte ich also meine sieben Sachen und nahm den Zug von London nach Inverness.

Tag 1 Inverness

Im Abendlicht wollte ich noch 40 km Richtung Highlands fahren und irgendwo in der Natur biwakieren. Doch ein Vorfall nach dem anderen brachte eine mehrstündige Verspätung mit sich. So kam ich spät an, montierte mein Licht ans Fahrrad, während ein Feuerwehrauto mit Disco-Licht und leicht bekleideten Frauen an mir vorbei fuhr, und machte mich auf Richtung Norden mit der Hoffnung irgendwo am Wegesrand eine gute Option zum Schlafen zu entdecken. Nur ein paar Kilometer später fand ich einen kleinen naturbelassenen Wald. Perfekt. Weniger perfekt war der erste Tarp-Aufbau der Tour. Eher haarsträubend.

Rad: 15 km / 219 Höhenmeter

Inverness
Tarp

Tag 2 Highlands

Je weiter ich Richtung Norden kam, desto schöner wurde die Landschaft. Die Kilometer flogen dahin und eine Hausruine mit schönem Blick lud mich für die Nacht ein. Leider war es trotz steinerner Wand sehr windig und das Tarp flatterte laut in der Nacht.

Rad: 122 km / 1099 Höhenmeter

Highlands
Highlands
Highlands
Highlands
Highlands
Schlafplatz
Highlands

Tag 3 Sandwood Bay

Ich bin immer mehr begeistert von der Landschaft, fahre an einer vermutlich über 2000 Jahre alten Behausung (ein dùn) vorbei und lerne bei meinem Weg um Loch Eriboll schottischen Wind kennen – in die eine Richtung fahre ich im kleinsten Gang und in die andere im größten.
Ein paar Kilometer vor Durness komme ich an einem wunderbaren Strand vorbei. Wäre es nicht Vormittag gewesen, dann hätte ich dort sofort mein Biwak ausgerollt. Nach ein paar regnerischen Kilometern komme ich irgendwann bei gutem Wetter in Sandwood Bay an. Die letzten Kilometer sind zwar nicht Rennrad-tauglich und ich muss ein bisschen schieben, aber es hat sich gelohnt: Ein schöner Strand zwischen einem See und dem Meer sind mein zu Hause für die nächsten 2 Nächste.

Rad: 93 km / 1236 Höhenmeter

Schaf
Tourenrad
Strand bei Durness
Gepäckvergleich
Highlands
Sandwood Bay
Sandwood Bay
Sandwood Bay
Tarp

Tag 4 Cape Wrath

Ich wandere von Sandwood Bay nach Cape Wrath. Flüsse wollen durchwatet und sumpfige Highlands durchwandert werden. Trotz unpassender Laufschuhe eine schöne Tour. Da ich kein Bargeld zur Hand hatte gibt mir der Mann im Leuchtturm-Café eine heiße Schokolade aus. Danke! Ansonsten habe ich nur 2 Wanderer gesehen, die mir auf meinem Rückweg entgegen kamen. Das Wetter wird kontinuierlich besser und am Abend wasche ich mich und ein paar Klamotten im See.

Wandern: 30 km / 893 Höhenmeter

Cape Wrath
Cape Wrath
Matschschuhe

Tag 5 Westküste

Zwei Jungs mit Surfbrettern kommen mir beim Rückweg von Sandwood Bay in die Zivilisation entgegen. Optimisten. Mir wird klar wie hügelig die Westküste ist. Noch dazu wird es schwül-heiß. Ich fahre zum Leuchtturm Stoer, wo ich eigentlich wandern gehen wollte, aber ich verwerfe den Plan, um noch sicher offene Geschäfte in Lochinver vorzufinden. Auf den letzten Kilometern dort hin sehe ich schon Suilven empor ragen. Das motiviert und imponiert.
Am Start des Wanderweges wird vor der Jagdzeit gewarnt und in der Verwaltung finde ich niemandem mehr. Ein Auto von der Coast Guard taucht auf und ein Insasse meint, dass ich auf den Wegen bleiben und mir kein Geweih aufsetzen solle. Ich marschiere also, mit meinem Rad streckenweise auf der Schulter, den Weg entlang und finde eine tolle Hüte zum Schlafen. Ein Dach über dem Kopf kommt mir gerade richtig, da mich das Tarp ein wenig nervt.

Wandern: 6 km / 248 Höhenmeter
Rad: 104 km / 1875 Höhenmeter

Steigungen
Highlands
Suilven

Tag 6 Suilven

Der Himmel ist klar. Aus dem Fenster erblicke ich schon den Suilven. Auf diesen Tag habe ich mich schon lange gefreut.
Der Weg wird irgendwann zum Pfad und wieder matschig, doch nicht so schlimm wie nach Cape Wrath. Je höher ich komme, desto mehr Wolken ziehen auf. Der Anstieg ist steil, aber gut schaffbar und oben auf dem Kamm kann ich gerade noch so durch die aufziehenden Wolken auf der anderen Seite hinunter gucken. Auf dem Gipfel liegt die Sichtweite vielleicht bei 20 Metern. Schön war es trotzdem.
Auf dem Weg runter werde ich sehr müde und unkonzentriert und rutsche ein paar Mal ab. Die Luft ist irgendwie raus und mein Gefühl sagt mir, dass ich eigentlich schon genug erlebt habe. Auf der Hütte überlege ich, ob ich noch eine Nacht dort bleibe, obwohl es nicht mal Mittag ist. Ich entscheide mich Richtung Ullapool aufzubrechen, um mir mehr Möglichkeiten für die restliche Tour zu lassen. Dort gönne ich mir dann ein Hostel und nach einer Dusche 3 Portionen Pommes! Meine Motivation ist wieder gut und ich beschließe die restlichen 2 Tage noch 200 km zu fahren. Ich buche gleich noch ein Hostel für den letzten Tag in Inverenss, damit ich auf der Zugfahrt nicht alle Leute voll stinke.

Wandern: 15 km / 809 Höhenmeter
Rad: 51 km / 819 Höhenmeter

Suilven
Erik auf Suilven
Suilven
Highlands
Highlands

Tag 7: Loch Maree

Nach ein erholsamen Nacht in einem Bett gönne ich mir so einiges zum Frühstück, unter anderem zwei Cinamon-Swirls. Der Himmel ist klar. Mein größte Angst ist Sonnenbrand. Die ersten 50 Kilometer vergehen wie im Flug. Dann fängt es an sich zu ziehen. Nach 90 Kilometern gönne ich mir dann eine lange Pause mit Karma-Cola in Gairloch. Irgendwann fahre ich weiter und am Loch Maree finde ich eine schöne Stelle und campiere ohne Tarp unter Bäumen und Sternen. Vorher spreche ich noch mit einem netten Mann, der dabei ist alle Munros (Berge in Schottland über 3000 Feet) zu besteigen. Davon gibt es über 280. Er ist bei knapp über 160. Also schon nach dem Bergfest.
Hier kommt auch zum ersten Mal mein Spray gegen Midges zum vollen Einsatz und das wohl zu spät. Die Mückenstiche, die ich in den kommenden Tagen überall finde, sind vermutlich alle von diesem Abend.

Rad: 119 km/ 1514 Höhenmeter

Highlands
Gruinard Bay
Karma Cola in Gairloch
Loch Maree

Tag 8: Inverness

Ich schlafe nicht gut und fahre vor 7 schon los. Das Wetter schlägt um und Gegenwind und Regen machen mir zu schaffen. Die Temperatur sinkt und mir wird kalt. Bei einer Pause versuche ich vergebens mich in einem Wartehäuschen aufzuwärmen. Ich ziehe zum ersten Mal alle Kleidung an, die ich dabei habe und fahre weiter. Meine Motivation hält sich in Grenzen. Die Landschaft wird langweiliger, die Autos mehr. Ich beiße mich durch und bin noch vor 13 Uhr in Inverness. Mit einer heißen Schokolade vertreibe ich mir die Wartezeit zum Check-In. Im Hostel gibt es erstmal eine heiße Dusche. Danach gehe ich mir billige, aber trockene Schuhe in Primark kaufen. Die Zivilisation hat mich definitiv wieder in ihren Klauen.

Rad: 86 km / 676 Höhenmeter

Tag 9: London

Die Zugfahrt vergeht schnell, da ich einen exzellenten Podcast höre: Wrath of the Khans

Fazit

Schön war es. Das Knie hat gehalten. Auf das Tarp hatte ich aber irgendwie schnell keine rechte Lust mehr. Schottland ist es definitiv wert erkundet zu werden. Auch bei weiteren Reisen gäbe es noch viel zu erleben, Berge zu erklimmen, Sümpfe zu durchstampfen, Steigungen zu bewältigen, Landschaft zu bestaunen. Ich überlege schon, ob ich bei der nächsten Radtour irgendwie mein Zelt noch einpacken könnte.

2 thoughts on “Schottland: Ein Reisebericht

  1. Toller bericht und tolle Fotos!

    Das einzige was das Leseerlebnis getrübt hat ist die Scrollgeschwindigkeit, die scheint hier in deinem Blog unnötig hochgesetzt zu sein (OSX, Firefox)

    1. Vielen Dank!

      Gerade bin ich am Reisen und habe nur ein Smartphone dabei. Wenn ich wieder in London bin werde ich mir das mit der Scrollgeschwindigkeit mal anschauen.

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